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«Digitalisierung ist wie ein Sumpf»: Benedikt van Spyk im Interview

Benedikt van Spyk leitet seit 2020 die Staatskanzlei des Kantons St. Gallen. Als Jurist mit Affinität fürs Digitale treibt er Pionierprojekte wie E-Collecting voran und stellt die Zusammenarbeit zwischen Kanton und Gemeinden auf eine verbindliche Grundlage. Im Gespräch erklärt er, warum er sich als Transmissionsriemen versteht, weshalb ein digitales Projekt acht Jahre dauern darf und was er einer Gemeinde rät, die noch nirgends steht.
Porträtbild von Benedikt van Spyk, Staatssekretär und Leiter Staatskanzlei Kanton St. Gallen.

Digitalisierung in der Verwaltung wird gerne als technische Aufgabe verstanden: ein System ablösen, eine Software einführen, fertig. Benedikt van Spyk kennt die Realität dahinter und beschreibt sie unromantisch. Acht Jahre Vorarbeit für ein einziges Pilotprojekt, Reibung zwischen Recht, Technik und Politik. Im Gespräch findet er prägnante Bilder und beschreibt den aktuellen Stand der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung realistisch.

Sie haben sich einmal als «Transmissionsriemen» bezeichnet. Was bedeutet das im Alltag?

Ich sehe meine Aufgabe im Übersetzen: von der einen Disziplin in die andere. Und darin, dass es am Schluss in die gleiche Richtung geht. Dass man nicht nur am gleichen Seil zieht, sondern auch in die gleiche Richtung. Eigentlich quietscht das immer ein bisschen, weil es unterschiedliche Disziplinen sind. Ich bin von Haus aus Jurist und habe eine gewisse Affinität zum Digitalen. Das Übersetzen von der technischen in die juristische Perspektive ist immer ein Spannungsfeld, weil die Geschwindigkeiten sehr unterschiedlich sind. Verschiedene Perspektiven so auszubalancieren, dass am Schluss ein Ganzes entsteht, das auch vorwärtskommt: Das ist ein grosser Teil meiner Arbeit.

Der Kanton St. Gallen führt schweizweit als erster E-Collecting ein. Acht Jahre Vorarbeit – warum hat das so lange gedauert?

E-Collecting war eigentlich ein politischer Kompromiss. St. Gallen und ich persönlich haben uns immer sehr stark für E-Voting eingesetzt. Doch das ist politisch umstritten. Denn heute haben wir eine tiptop briefliche Stimmabgabe. Aber ich bin überzeugt, in zehn bis fünfzehn Jahren werden wir diesen Briefverkehr nicht mehr haben. Dann sind wir froh, wenn wir einen weiteren Stimmkanal haben. Ich habe gesagt: Ich sehe, ihr möchtet lieber E-Collecting. Ich bin bereit, das Projekt E-Collecting parallel aufzunehmen und wir treiben beides gleichzeitig voran. Das ist ein Kompromiss, den wir bis heute halten. Wir hatten im Parlament immer Unterstützung für elektronische Stimmabgabe, wie auch elektronische Unterschriften sammeln.

Man unterschätzt es ein bisschen. Es ist ein komplizierter Prozess. Was zentral ist – das haben wir beim E-Voting gelernt: Der Schutz der Daten ist ein ganz zentrales Element. Das sicherzustellen, mit einer guten Architektur, mit guten Prozessen, das hat seine Zeit gebraucht.

Woran würden Sie ablesen, dass das Pilotprojekt erfolgreich ist?

Was mich sehr freuen würde: wenn wir eine oder zwei Unterschriftensammlungen durchführen und die Hälfte der Unterschriften elektronisch eingeht. Wenn alles technisch einwandfrei funktioniert. Wenn wir einen Prozess zeigen können, der auch die Gemeinden entlastet, weil sie die Unterschriften nicht mehr prüfen müssen. Und wenn am Schluss alle sagen: Hey, das ist ein cooler digitaler Prozess.

Pilotversuche sind aber auch dazu da, dass es nicht einfach nur einen hundertprozentigen Erfolg gibt. Sonst hätten wir vielleicht auch zu lange gebraucht, etwas auf die Beine zu stellen. Wir müssen in eine Kultur reinkommen, wo Fehler möglich sind, wo man die auch offen und transparent kommuniziert. Wir haben etwas probiert, das hat nicht geklappt, jetzt probieren wir es anders. Und dass das anerkannt wird – als Teil des Prozesses, nicht als Pfusch.

Stellen Sie sich vor, eine Gemeindeschreiberin ruft an und fragt: Wo fange ich mit der Digitalisierung an? Was antworten Sie?

Wenn man heute noch nirgendwo drinsteht, hat man einen weiten Weg vor sich. Das würde ich ihr gleich sagen. Das ist nicht etwas, wo man von heute auf morgen den Schalter umlegt. Digitalisierung ist nicht eine technische Frage, sondern eine Organisationsentwicklungsfrage. Wenn deine Organisation sich bisher nicht bewegt hat, gilt es zuerst einmal, die Organisation in Bewegung zu bringen.

Dafür brauchst du die richtigen Leute. Leute, die Lust haben, das Thema voranzutreiben. Es ist kein Selbstläufer. Ich sage immer: Es ist wie ein Sumpf. Man steckt viel Energie rein, aber man kommt nicht so richtig schnell voran. Dafür braucht es Leute, die das aushalten, die Freude daran haben und die eine Frustrationstoleranz mitbringen – und trotzdem die Begeisterung nicht verlieren. Das sind gute Leute. Und das müssen nicht unbedingt super Techniker sein, sondern Allrounder, die das Thema breit anschauen und mit der Organisation arbeiten.

Welches Thema in der Digitalisierung der öffentlichen Hand wird Ihrer Meinung nach mit zu viel Erwartung aufgeladen?

Digitale Souveränität hat aktuell Hochkonjunktur. Das ist ein total zentrales Thema, und ich finde es absolut wichtig, dass wir uns genau überlegen, in welche Richtung wir arbeiten, um in dieser Souveränität weiterzukommen. Aber die Vorstellung, dass ich in zwei, drei Wochen einfach Microsoft abgelöst habe und mich jetzt in anderen Systemen bewege – das ist kein realistisches Zielbild. Politisch wird das manchmal so vermittelt oder erwartet. Da müssen wir realistisch bleiben, ohne dass das gleich als Abwehrhaltung verstanden wird. Das Problem sehen alle, den Handlungsdruck auch. Aber bei so einem Riesenthema, so einem komplexen Thema, ist die Erwartung «morgen gelöst» einfach nicht realistisch.

Der Weg lässt sich nicht abkürzen

Digitalisierung in der Verwaltung bleibt ein Sumpf: Man steckt viel Energie hinein und kommt trotzdem nur langsam voran. Schnelle Resultate gibt es in dieser Disziplin nicht, und wer sie erwartet, wird enttäuscht. Was wirklich vorwärtsbringt, ist unspektakulärer: Geduld, die in Jahren denkt statt in Wochen, eine Organisation, die sich überhaupt erst in Bewegung setzt, und Menschen, die Reibung aushalten, ohne die Begeisterung zu verlieren. Diesen Weg hat St. Gallen mit dem Pilotversuch zu E-Collecting eingeschlagen. Er lässt sich nicht abkürzen, aber Schritt für Schritt gehen.

Das ganze Gespräch hören und sehen

Dieses Interview ist ein Auszug aus Folge 1 von «Auftrag: Digital.», dem CMI Podcast zur Digitalisierung der öffentlichen Hand. Das vollständige Gespräch mit Benedikt van Spyk gibt es als Audio oder Video auf allen gängigen Podcast-Plattformen (Spotify, Apple Podcast, YouTube, und weitere).

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