Wer Digitalisierung an der Schule für erledigt hält, sobald jedes Kind ein Tablet in der Hand hält, macht es sich zu einfach. Thomas Minder kennt die Sache von drei Seiten zugleich: als Schulleiter in Eschlikon seit bald 20 Jahren, als Präsident Visenti Verband Schulführung Schweiz (ehem. VSLCH) und als jemand, der schon Ende der Neunzigerjahre am Computer arbeitete, als es an seiner Schule erst zwei Workstations gab. Für ihn sind Digitalisierung und KI Werkzeuge, kein Selbstzweck. Im Gespräch geht es um ein Versprechen von 2020, um den Ruf nach einem nationalen Rahmen für KI und um die Frage, warum Kinder auch wissen müssen, wie sich Regen anfühlt.
Du warst Flugbegleiter bei der Swissair, bevor du an die Schule kamst, und bist heute oberster Schulleiter der Deutschschweiz. Was hat sich in deinen fast 20 Jahren als Schulleiter verändert – die Technik einmal ausgenommen?
Schon als Flugbegleiter Ende der Neunzigerjahre habe ich mich stark mit Computern beschäftigt. An der Schule habe ich früh damit gearbeitet, obwohl wir anfangs nur zwei Workstations hatten. Mein damaliger Mentor führte eine Serverinfrastruktur für den Informatikunterricht ein, und ich habe darauf gedrängt, dass wir persönliche Geräte bekommen. Zwei Jahre später war das der Fall. So sind wir Schritt für Schritt weitergekommen. Heute stehen unsere Server nicht mehr im Haus, sondern beim Anbieter, alles läuft in der Cloud.
Verändert hat sich aber vor allem die Art, wie wir Schule machen. Wir kommen immer mehr weg vom reinen Instruieren: Instruktion geben, die Schülerinnen und Schüler arbeiten lassen, wieder instruieren. Heute leben wir vor allem miteinander im Schulzimmer. Das ist vom Mindset her etwas ganz anderes. Es klingt banal, aber das war eine lange und grosse Reise.
Früher hast du in einem Interview gesagt, der Papierkram nehme dank der Digitalisierung ab. Ist das 2026 eingetroffen?
Beim Papier können wir es bei uns tatsächlich belegen: Wir brauchen heute weniger. Am Anfang war es umgekehrt. Als wir die Computer einführten, gaben wir den Leuten Mittel in die Hand, die sie vorher nicht hatten, und der Verbrauch stieg zuerst an. Erst danach ist er gesunken, weil vieles als Datei vorliegt und nicht mehr ausgedruckt wird.
Beim Papierkram im Sinn von administrativer Arbeit bin ich mir weniger sicher. Ich habe einmal jemanden gehört, der sagte, die Digitalisierung führe nicht dazu, dass man weniger zu tun habe, sondern zu einem Überadministrieren. Wenn uns viel Arbeit abgenommen wird, fangen wir an, umso mehr abzufragen, nur weil es plötzlich möglich ist. Ich hoffe sehr, dass das nicht eintrifft.
Du forderst bei der KI einen nationalen Rahmen. Was soll geregelt werden – und was bewusst nicht?
Mit national meine ich nicht zwingend den Bund. Die Volksschule ist Sache der Kantone, und die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren treffen sich mehrmals im Jahr. Auf dieser Ebene müsste man sich auf ein gemeinsames Framework einigen: Wie setzt man KI ein, und wie beschafft man sie? Denn es drängen ausländische Anbieter auf den Markt, und das ist eine Frage der Governance. Man könnte das Günstigste nehmen, aber das ist dann vielleicht in einem Tieflohnland produziert, während Schweizer Anbieter keine Chance haben. Als staatliche Organisation trägt man hier eine Verantwortung und kann sich nicht einfach im Ausland bedienen.
Beim Datenschutz reicht es nicht, für alle das bekannteste Tool einzusetzen. Dort ist das Konto identifizierbar und wird fürs Training verwendet. Es braucht einen Vermittler, eine Plattform, welche die Anfrage vom persönlichen Profil entkoppelt und mit den Anbietern vertraglich vereinbart, dass nichts fürs Machine Learning genutzt wird. Die Fachagentur Educa geht mit ihren Empfehlungen in die richtige Richtung. Nur ist bei der KI-Beschaffung vieles noch nicht verstanden. Es gibt Kantone, die ausländische Lösungen empfehlen, und das kann ich nicht unterstützen.
«Von sehr viel bis fast gar nichts» – so unterschiedlich setzen Schulen KI ein. Wo erlebst du gute Beispiele?
Es gibt Schulen, die bereits Lösungen einsetzen, bei denen eine KI die Lehrpersonen in der Unterrichtsvorbereitung unterstützt. Das Besondere: Die Prompts lassen sich mit dem Lehrplan abgleichen, und man arbeitet in einem geschützten Rahmen. Man darf aber nicht alles glauben, was herauskommt. Die Expertise der Lehrperson muss ein wachsames Auge behalten – ist das gescheit, was da kommt? Vieles ist gut, manches ist nicht brauchbar, und genau das müssen die Lehrpersonen leisten.
Früher war ich als Lehrperson an ein Lehrmittel gebunden, das mir den Pfad durch ein Thema vorgab. Jetzt kann ich stärker auf die Interessen der Klasse eingehen und trotzdem prüfen, ob ich lehrplankonform unterwegs bin. Dasselbe gilt für die Kinder: Wenn sie anonymisierte Anfragen stellen, lässt sich hochgradig individualisiert arbeiten. Das ist meine grosse Hoffnung – dass wir die Schule so gestalten, dass die Kinder motivierter sind.
«Eine Schule ist kein IT-Unternehmen», hast du einmal gesagt. Wie holst du Lehrpersonen ab, die mit Digitalisierung wenig anfangen können – und wer treibt sie an einer Schule überhaupt voran?
Bei uns läuft alles cloudbasiert, über digitale Plattformen. Auch die ganze interne Kommunikation, da kommt niemand herum. Wo jemand Mühe hat, unterstützen wir: Wir haben technische und pädagogische Supportangebote, weil nicht alle auf demselben Stand sind. Was aber nicht verhandelbar ist, ist die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Wenn eine Lehrperson diese Bereitschaft nicht hat, dann kommt sie definitiv nicht zu uns in die Schule. Weiterentwicklung ist die Charakteristik der Schule – wir verlangen sie von den Kindern, also können wir uns ihr selbst nicht verwehren.
Und wer treibt die Digitalisierung voran? Wenn der Kanton der Treiber ist, dann hat man den Schuss nicht gehört – dann kommt sie als Auflage. Es gibt Pionierschulen, die vorangehen und die kantonale Stelle inspirieren. Innerhalb der Schule braucht die Leitung eine Vision und ein Feuer, das für gute Pädagogik brennt. Die Digitalisierung ist am Ende nur ein Instrument dafür.
Der Podcast heisst «Auftrag: Digital.» – was treibt dich an diesem Auftrag ganz persönlich an?
Das ist es, was mich als Schulleiter überhaupt antreibt: Ich möchte einen Unterschied machen. Zuerst für die Lehrerinnen und Lehrer im Team, mit dem Ziel, dass wir gemeinsam einen Unterschied für die Kinder und Jugendlichen machen – dass sie zu gesunden, verantwortungsvollen Erwachsenen heranreifen. Das treibt mich an, alles andere ist Beigemüse.
Digitalisierung und KI sind ein Werkzeug, das wir benutzen. Das ist nicht das Ziel, sondern die Unterstützung.
Wie sich Regen anfühlt
Für Minder hat die Digitalisierung eine klare Grenze. Er setzt digitale Mittel nur dort ein, wo sie besser sind als die analoge Lösung, bei den Jüngsten im Zyklus 1 bewusst zurückhaltend. Wenn wir gesunde Erwachsene wollen, sagt er, brauchen sie eine gute Verwurzelung in einer nicht-digitalen Welt: Sie sollen wissen, wie es im Wald ist und wie sich Regen anfühlt. Der Rat, den er Schulleitungen mitgibt, ist entsprechend unaufgeregt: eine ehrliche Standortbestimmung machen und dann entweder den Kurs halten oder sofort loslegen.
Das ganze Gespräch hören und sehen
Dieses Interview ist ein Auszug aus Folge 3 von «Auftrag: Digital.», dem CMI Podcast zur Digitalisierung der öffentlichen Hand. Das vollständige Gespräch mit Thomas Minder gibt es als Audio oder Video auf allen gängigen Podcast-Plattformen – Spotify, Apple Podcast, YouTube und weitere.